Dunkelheit. 

Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht. 

Für den einen mag es etwas Magisches und heimliches haben. Alles wird intensiver wahrgenommen, weil man sich auf seine anderen Sinne konzentriert, sobald das Visuelle wegfällt.

Für andere… ist es beängstigend. Es hinterlässt Leere. Man kann nichts sehen. Kontrollverlust also. Das macht die meisten wahnsinnig. Ich kann nur abwarten. Warten. Auf das was kommen mag. Mich ergeben.

Ein Knall. Ich schlage die Augen auf. Um mich herum: Dunkelheit. 

War das Geräusch wirklich da oder spielt er mir wieder Streiche? Mein Atem wird schneller. Es ist komplett still, wenn man von meinen rasselnden Versuchen meine Lunge mit Luft zu füllen und dem immer lauter werdenden Herzschlag absieht.

„Gleich springt es mir aus der Brust.“ Schleicht sich ein Gedanke durch meinen Kopf. „Wäre das denn so schlimm?“ Folgt ihm ein noch leiserer. 

Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nichts sehen. Unter mir spüre ich kalte Fliesen. Meinem Badezimmer ähnlich. Was will er dieses mal von mir? Warum lässt er mich nicht in Frieden sondern quält mich tagtäglich mit den immergleichen Sachen.

Ich will schreien. Meine Lunge füllt sich mit Luft, mein Oberkörper bäumt sich auf… aber es passiert nichts. Ich habe hier keine Stimme. Sie zählt hier nicht. Obwohl ich es weiß versuche ich es noch Ein Mal. Zwei Mal. Drei Mal. „Du Dreckskerl. Ich ertrage es nicht mehr!“ Will ich schreien. „Meine Kraft ist aufgebraucht! Alle meine Grenzen überschritten!“ Ihm entgegen rufen. Aber nichts passiert.

Da hast du’s. Denke ich. Das was du wolltest. Ich bin vielleicht nicht tot. Aber leben tue ich auch nicht. 

Eigentlich habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben, aber mein Lebenswille war größer als erwartet. Ich habe weitergekämpft. Wollte ihn nicht mein Leben beenden lassen, weil er Spaß daran hat. Irgendwann habe ich nicht mehr für mich gekämpft. Aber für die anderen. Die eine Person, die an mich denkt. Der ich wichtig bin. Die die Dunkelheit beiseite schieben kann. Wenn auch nur kurz.

Dennoch falle ich wieder in das Loch zurück. Denn ich kann nichts tun. Ich kann hier nicht weg. Die Luft ist mit der Zeit modriger geworden. Meine Knochen schwerer. Aber sonst ist alles gleich geblieben. 

Ich kann nur hier liegen. Tag für Tag. Und warten.

Warten.

Warten.

Warten.

Warten. Auf das, was er für mich geplant hat.

Er. 

Mein Verstand.

Bahnhöfe.

Bahnhöfe sind merkwürdig. 

So viele Leute sind hier. Aber man muss nur mal die Zeit haben sie genauer zu beobachten. Es ist viel mehr, als ein paar Leute die zu ihren Zügen rennen. Mehr als eine Masse mit kalten ausdruckslosen Gesichtern.

Sie sind die Überbringer von Personen, die aussteigen und in die Arme einer Person fallen. Beide. Unendlich glücklich. 

Und sie überbringen unendliche Traurigkeit und Leere. Lassen einen einsam zurück, während sich der andere jede Sekunde weitere Meter entfernt. Meter, die zu hunderten Kilometern werden, Kilometer die sich wie ein Stein auf deine Brust legen, dir die Luft zum Atmen nehmen und Vermissen und Sehnsucht zurück lassen. 

An Bahnhöfen scheint überall die Liebe präsent zu sein, oftmals aber auch verbunden mit leeren Gesichtern und unendlicher Traurigkeit. 

Denn Bahnhöfe sind Orte voller Abschiede. Immer ungewiss, ob man den anderen gesund wieder sehen wird. 

Keiner verlässt freiwillig die Person die man liebt. Das wird selbst nach vielen Monaten und ebenso vielen Abschieden nicht besser.

Neben mir ein Paar, das sich weinend in den Armen liegt. Ich selbst habe ebenfalls Tränen in den Augen. Ein Kloß im Hals schnürt mir den Atem ab und lässt meine Sicht verschwimmen. 

Unfair. Das ist unfair und nichts anderes. 

Tagtäglich so viele Idioten um einen herum, aber niemand der mir wichtig ist. Und alles was mir etwas bedeutet habe ich wieder hinter mir lassen müssen.

Das ist so merkwürdig. 

Ein warmer Herbsttag. Mit Jacke viel zu warm. Die Blätter färben sich schon bunt. Ein lauer Wind weht. Der Himmel ist blau.

Wie wird es wohl sein, wenn ich wieder hier bin? Kalt, grau, vielleicht liegt schon Schnee. Die Bäume haben längst keine Blätter mehr. Alle Leute eingehüllt in warme Mäntel. Viele werden reisen, denn es wird Weihnachten sein und jeder fährt zu seiner Familie. Zu seinen Liebsten. Mich eingeschlossen.

Ist für einen Moment glücklich, weil er zu den Leuten gehört die sich gerade nicht verabschieden müssen. Aber das wird wieder kommen… man verdrängt es nur ganz gut. 

Also, Stuttgart hoffentlich bis bald. Ich werde dich vermissen. <‚3 

Tschu Tschu. Oder so.

Das Leben ist wie ein Zug.
Einer dieser wahnsinnig schnellen Züge, die nur binnen weniger Sekunden in ihrer vollen Länge an dir vorbeigezogen sind.

Und wir sitzen in diesem Zug. Und ich wünsche mir nichts mehr, als nur kurz auszusteigen, mich ans Gleis zu stellen und durchzuatmen. Tief Luft zu holen bevor es dann wieder weiter geht.
Einfach mal alles von außen zu betrachten. Nur zuzuschauen und beobachten.
Dazu hat man in dem Zug nämlich einfach viel zu wenig Zeit.

Aber das geht nicht. Man wird immer weiter mitgerissen und muss das Tempo mithalten. Ob man will oder nicht. Manchmal hat man das Gefühl entgegen der Fahrtrichtung zu laufen. Nicht voran zu kommen. Zwar seine ganze Kraft zu opfern, aber nichts zu erreichen.

Man zweifelt an sich und zerbricht sich den Kopf über die Zukunft. Versucht sie zu planen auch wenn es nichts bringt. Die Zukunft ändert sich dauernd. Eigentlich sind alle Sorgen und Pläne überflüssig, aber wir brauchen das Gefühl der Kontrolle.
Auch wenn uns klar ist, dass das einzige was wir über die Zukunft wissen das ist, dass die Zukunft nie so wird wie wir uns sie vorgestellt haben.

An anderen Tagen wiederum gelingt es uns einen Blick hinter den Zug zu werfen und zu sehen wie viel wir schon geschafft haben. Zu merken dass es an den ganzen Stellen wo man dachte dass es nicht weiter geht doch irgendwie weiter geht.
Aber meist macht einem der Blick nach vorne dann wieder Angst.

Und dann gibt es nochmal ganz andere Tage.
So einen habe ich gerade.
Da ist man erst froh, dass man mal nicht mit im Zug ist –
aber nur so lange bis man merkt dass man gerade vor ihm auf den Gleisen steht.

Dunkelheit.

Dunkelheit. In mir. Um mich herum. Sie schnürt mir den Atem ab. Legt sich still und heimlich neben mich ins Bett und geht nicht mehr, bis die Sonne wieder hoch am Himmel steht.

Es ist erdrückend. Nimmt einem den Atem und lässt einen anschließend um Luft ringend zurück.
Alleine.

Und das ist eigentlich das Schlimmste. Die Dunkelheit, meine Dunkelheit lässt mich immer einsam und alleine zurück. Zumindest gibt sie einem das Gefühl. Selbst wenn es nicht so ist fühle ich mich so einsam als wäre ich der letzte Mensch auf Erden.
Noch so viele Leute könnten mir sagen dass es nicht so ist. Letztendlich bin ich alleine. Alleine mit mir. Meinem schlimmsten Feind. Meine persönliche Hölle habe ich bereits gefunden. In meinem Kopf.

Und da kann einem eben keiner beistehen. Mit mir bin ich immer alleine. Nur ich muss es mit mir aushalten. Alle anderen können flüchten. Aber ich… ich nicht. Gefesselt an den verhassten Körper. Gefesselt an den Kopf, der voller ist als ich es gerade gerne wäre.
Das ist mein dunkler Feind.
Er ist immer da.
Lässt einem keine Verschnaufpause.

Und er schlägt immer ein wie eine Bombe. Mir in den Magen und meinen Liebsten vor den Kopf, bis sie abhauen.

Irgendwann bin ich ganz alleine. Und habe nur noch die Dunkelheit die mich verschlingen wird.

Irgendwann.